VIBES zum Humor durch Variation

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Screenshot „Das Hochhaus – 120 Etagen Leben“ von Katharina Greve (35.Etage)

Der Webcomic Das Hochhaus – 120 Etagen Leben von Katharina Greve ist lustig. Jeden Dienstag erscheint dort eine neue Etage, in der witzige Kurzkommunikation stattfindet. Ich habe mich gefragt, wie es passiert, dass man diese lustig findet (eine Frage, mit der ich mich gerade im Studium beschäftigen darf und die mich deshalb zurzeit überallhin verfolgt). Als Beobachter zweiter Ordnung beobachtet man dort Kommunikation: Information – Mitteilung – Verstehen. Dabei lässt sich beobachten, dass die darauf folgende Mitteilung hier eine Variation von erwarteter Mitteilung ist, es eröffnet neue Möglichkeiten – und das überrascht, bleibt aber folgenlos und kann daher lustig sein.
Das Betrachten von Lustigem mithilfe der Systemtheorie kann, so meine Erfahrung bisher, den Spaß an mancher Stelle noch erhöhen. Vielleicht, weil es durchaus auch zusätzlich lustig sein kann, lustig zu finden, dass man als Beobachter zweiter Ordnung etwas lustig findet. Naja… ich wünsche auf jeden Fall viel Vergnügen – egal auf welcher Ordnungsebene!

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Screenshot „Das Hochhaus – 120 Etagen Leben“ von Katharina Greve (Keller)

VIBES zum Reframing

In den 60ern hatte Al Jaffee die Idee vom MAD-Faltblatt für das Satiremagazin MAD. Dabei erhält ein Bild seine satirische Pointe erst beim Aufklappen, wobei das zweite Bild nicht durch das erste zu erahnen ist; es ist jedes Mal eine Überraschung. Es ist ein humorvolles Spiel mit dem Unwahrscheinlichen, mit dem, was es neben dem Erwartbaren und Gewohnten geben kann. Es überrascht durch ein Reframing; das, was das erste Bild zeigt, wird im zweiten in einen ganz neuen, nicht erwarteten (kunstkommunikativen) Kontext gebettet; im wahrsten Sinne eine Erweiterung des Möglichkeitsraumes.

Das Video zeigt ein Interview mit Al Jaffee, in dem er von seiner Erfindung des Fold-in berichtet. Und in diesem Audio, bebildert mit Fotos, erzählt Jaffee wie er ein Fold-in  erstellt.

 

VIBES zum Nachwuchs

Es gibt Zeiten, da frage ich mich – mal mehr, mal weniger wundernd: Wo ist eigentlich der systemische Nachwuchs? Und vor allem: Woran erkennt man den?

LuckyLukeLucky Luke wird in diesem Jahr 70. Ein Blick in die Geschichte des Comic-Cowboys, der seinen Colt schneller zieht als sein Schatten, verrät viel über Nachwuchs. Nicht nur sein Erfinder und Zeichner Morris (bürgerlich Maurice de Bévère) war lange Zeit in nachwachsender Position, sondern auch Achdé (Hervé Darmenton), Morris‘ Nachfolger seit 2003, war Nachwuchs – oder ist der ewig Nachwachsende. Morris kam eigentlich aus dem Zeichentrickfilm und konnte den Cowboy-Traum Lucky Luke erst mithilfe seines Mentors Jijé (Joseph Gillain) im Comic-Magazin „Spirou“ verwirklichen. Mit der Unterstützung von Groscinny (genau, das ist der Texter, der auch Asterix & Obelix eine Stimme verlieh) – Jahre später – wurde Lucky Luke auch für Erwachsene weiterentwickelt und Morris erlebte nun mit seinem Cowboy eine Glanzzeit.
Als Morris nach 55 Jahren Lucky Luke verstarb, übernahm Achdé die Aufgabe und schaffte es, dem Cowboy in moderne Zeiten zu verhelfen. Lucky Luke ist dadurch stets jung geblieben. Er sieht dem Lucky von Morris immer noch ähnlich, es gab äußerlich nur kleine Veränderungen, aber thematisch hat Achdé den Cowboy aktuell gehalten, interessant gemacht für weitere Generationen und ihm damit die Möglichkeit gegeben weiter erfolgreich zu sein.
Die Laufbahn Lucky Lukes zeigt vielleicht wie etwas wertvoll erhalten bleiben kann, mithilfe von erfahrenen Gefährten und mit Vertrauen in weiterführende Hände. Hätte sich ein erfahrener Jijé und Groscinny nicht für Nachwuchs interessiert und hätte dieser nicht die Idee von dem Cowboy gehabt: Lucky Luke gäbe es vermutlich heute nicht. Hätte man Achdé die Aufgabe nicht zugetraut und hätte er sie nicht angenommen: Lucky Luke gäbe es vermutlich heute nicht.
Achdé sagte einmal dem Tagesspiegel, es sei ein Balanceakt dem Vorbild treu zu bleiben und dennoch dem Ganzen eine neue, frische Anmutung zu geben, zum Beispiel durch dezent eingesetzte ungewöhnliche Perspektiven.
Wo ist eigentlich der systemische Nachwuchs? Und woran erkennt man den?

(Zeichnung: Hannah Eller; in Anlehnung an und doch irgendwie frei nach Morris)

VIBES zu Perspektiven in Erzählungen

Hier Richard Mc Guire Dumont

„Hier“ von Richard McGuire; Dumont Verlag

Im Jahr 1989 war Hier von Richard McGuire (im Original Here) eine sechsseitige Abfolge von 36 Bildern. Sie zeigen immer die gleiche Ansicht eines Raumes, die Panels selbst springen aber in der Zeit und zusätzlich fügte McGuire kleine Panels in die Bilder ein – als Erweiterung der Zeit- und Personenperspektive. Der Betrachter erlebt Vergangenheit und Zukunft der Charaktere, des Hauses und der Umgebung, vom stampfenden Dinosaurier bis ins Jahr 2030, wenn das Haus abgerissen wird. 1989 war das eine revolutionäre Formgebung im Comicbereich und zeigte wie Erzählung gestaltet werden kann und dass Geschichten nicht sofort ersichtlich sind, nicht sofort verstehbar werden, keiner festen Abfolge unterliegen.
Mit der aktuellen farbigen Buchversion von Hier stehen nun 300 Seiten zur Verfügung sich in Perspektivwechsel zu begeben. Es ist kein Comic, den man „mal so durchblättert“, sondern einer, mit dem sich der Beobachter beschäftigen muss, um seine Geschichte nachvollziehen zu können, in dem viele kleine Geschichten versteckt sind, die es lohnt zu entdecken, zu erforschen.

Das sechsseitige Original Here finden Sie hier online.
Auf You Tube befindet sich Here als kleine Verfilmung, aus der das Prinzip ersichtlich wird.

VIBES zu Subjektivität und Verantwortung

spiderman

Gestern Abend kam tatsächlich ein Spider-Man Film. Ursprünglich war Spider-Man aber eigentlich als lesbare Comic Serie konzipiert. Anfang der 60er Jahre war der rot-blaue Spinnenmann ein revolutionärer Charakter des Marvel-Verlags. Der schüchterne Jugendliche Peter, der durch den Biss einer radioaktiv verseuchten Spinne (ja-ha!) Spinnenfähigkeiten wie Wendigkeit, Geschwindigkeit und Kletterkraft erlangt, stellte einen sehr abweichenden Charakter von den bisher gängigen Superhelden dar. Naja, soviel dazu…

„With great power comes great responsibility!“ ist Spider-Mans Motto und Antrieb zu handeln; vielleicht auch eine Anregung hier auf systemVIBES über Subjektivität und Verantwortung zu sinnieren. Die Idee des Konstruktivismus (u.a.), alles Wahrgenommene und Erlebte sei subjektiv und der Mensch sei nicht instruierbar, führt einen eventuell auch zu dem Gedanken, dass daher jeder Verantwortung für sein eigenes Handeln trägt. Zumindest eröffnet es die Möglichkeit darüber nachzudenken. Demnach wäre „great power“ immer die eigene Macht (wenn man es so übersetzen möchte) über das eigene Handeln und „great responsibility“ damit eng verbunden. Vielleicht der kleine Spider-Man in uns allen…?

VIBES zum Systemischen im Comic oder die Frage: Wie verändert der Comic das Denken?

Dass die Gestaltung und das Lesen von Comics durchaus auch die in systemischen Kreisen bekannten Ideen beinhaltet, zeigt das Gespräch zwischen Raphaël Enthoven und Tristan Garcia im Rahmen der Sendung Philosophie auf arte. In der Folge mit dem Titel „Wie verändert der Comic das Denken?“ versucht der Philosoph Tristan Garcia (Universität Lyon) der Frage auf den Grund zu gehen, warum dem Comic weder in der Philosophie noch in der Kunst große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es geht dabei um das Treffen von Unterscheidungen, um Komplexität, um Dynamik, Perspektive und auch um Ontologie. Begriffe, die dem systemVIBES-Besucher mit Hang zum Systemischen irgendwie bekannt vorkommen könnten, hier aber in einen ungewöhnlichen Zusammenhang auftauchen: im Vergleich der Comics von Hergé (Tim und Struppi) und André Franquin (Gaston, Marsupilami, Spirou). Mir macht sowas ja Spaß…
Auf arte ist das philosophische Comic-Gespräch noch bis Ende März 2016 zu sehen, ansonsten finden Sie es in zwei Teilen auf YouTube bzw. hier:

VIBES zu Kontexten des Verlassens

strapazin_122_417Das aktuelle schweizer-deutsche Comicmagazin Strapazin widmet seine aktuelle Ausgabe dem Fliehen, Abhauen und Weggehen. Verschiedene Autor_innen und Zeichner_innen aus unterschiedlichsten Ländern beschäftigen sich mit dem Thema des Verlassens in wechselnden Kontexten. Strapazin #122 findet auf systemVIBES seinen Platz, weil es aufmerksam macht auf unterschiedliche Verlassens-Kontexte. Es schaut in die vergangene Zeit der Flüchtlingskatastrophe von 1947, die in Indien stattfand als zwei Staaten ausgerufen wurden (Indien für die Hindus und Pakistan für die Muslime). Der Zeichner Ro reiste auf die Insel Lampedusa und berichtet mit seinem gezeichneten Beitrag von Einheimischen, Flüchtlingen, Polizisten und Aktivisten. Hila Noam widmet sich zeichnerisch einer jungen Frau, die wegen einer Beerdigung nach Israel fliegt, dort aber aus familiären Gründen schnell wieder abhauen möchte. Isabel Peterhans beschäftigt sich mit den Menschen, die aus Haiti flüchten, wegen Armut, Korruption und nicht zuletzt aufgrund des verheerenden Erdbebens 2010. Der Schweizer Zep zeigt „wie man tragische Vorgänge mittels einer lustigen Comic-Figur schildern kann“ (Strapazin S.1) und welch eine irritierende Wucht dies haben kann.

Vielleicht für den einen oder anderen interessant, der oder die sich neben den aktuellen Flüchtlings-Meldungen mit dem Verlassen beschäftigen möchte.

VIBES zu Scham und Charme

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Besondere Jahre, von Joyce Farmer, Egmont Verlag

Am Wochenende ist mir die Graphic Novel Besondere Jahre von Joyce Farmer in die Hände gefallen – und aufgefallen. Zum einen, weil sie ästhetisch so anders ist als das, was man zurzeit im Comicbereich ansehen kann und zum anderen, weil sie das Altwerden von Eltern in der Form von Graphic Novel sehr verdichtet thematisiert; es werden enorm viele Facetten dieser besonderen Jahre auf die Seiten gebracht.
Joyce Farmer ist 1938 in Los Angeles geboren und hat in den 70ern in der amerikanischen Underground Comicszene gezeichnet, was den Zeichenstil dieser Ausgabe erklärt. Seit den 90ern skizzierte sie für die vorliegende Graphic Novel.
Auf systemVIBES taucht sie auf, weil sie sich (auch) mit folgenden Fragen beschäftigt: Wie werden eigene Geschichten kongruent erzählt, wenn man langsam Kontrolle über den eigenen Körper verliert? Wie geht man mit Hilfe um, die man eigentlich nicht will? Wie wird mit Scham umgegangen und wie wird sie kommuniziert? Wo bleibt das Charmante von Personen, wenn sie alt und pflegebedürftig werden?
Eine Leseprobe finden Sie über den Verlag, und zwar hier.

 

VIBES zu Entstehungskontexten

Dass Entstehung nicht zwangsläufig etwas mit linearer Kausalität zu haben muss, ist zur Zeit im online Magazin hundertvierzehn des Fischer-Verlags zu beobachten. Seit Oktober 2015 erscheint dort regelmäßig eine Folge des Webcomics Der Sommer ihres Lebens, in dem die Protagonistin Gerda sich fragt, was ein glückliches Leben ist. Nun erschien ein Beitrag dazu, der einen Blick in die Entstehung des Comics erlaubt: Korrespondenzen zwischen der Zeichnerin Barbara Yelin und dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker, Skizzen von Frau Yelin, Schriftproben von Herrn von Steinaecker und Kommentare.
Die Interaktionen zur Entstehungsgeschichte des Comics finden Sie hier.
Alle bisher erschienenen Folgen von Der Sommer ihres Lebens finden Sie hier.

VIBES zum Umgang mit Ängsten

tumblr_o0fncrLREZ1v2jc76o2_r1_1280Kann Wissen gegen Ängste antreten? Wann ändern Menschen ihre Einstellung? Vielleicht, wenn es Spaß macht und sinnlich ist.
Bekannte deutsche Zeichner haben sich zum Projekt BILDKORREKTUR zusammengetan. Sie illustrieren die populärsten Sorgen, Ängste, Vorurteile und Bedenken gegen die Flüchtlingsaufnahme und stellen ihnen eine Zeichnung mit den aktuellen Zahlen und Fakten gegenüber. Auf der Webseite heißt es:

Viele Ängste im Zusammenhang mit Flüchtlingen sind faktisch unbegründet, aber nur wenige wissen das.
Zahlen können helfen Vorurteile und diffuse Ängste abzubauen.
Aber Zahlen haben einen klaren Nachteil: Sie sind langweilig.
In der Welt der sozialen Medien haben sie damit schlechte Karten.
Hier kommen wir ins Spiel, denn wir arbeiten mit der Macht der Bilder.
Als die bunte Seite der Macht haben wir uns der Zahlen und Fakten angenommen und sie in eine bunte, unterhaltsame und eingängige Form gebracht.
Wir möchten als Zeichner Stellung beziehen – nicht populistisch, sondern konstruktiv.

Die Zeichnungen finden Sie auf der Seite von BILDKORREKTUR.

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