VIBES zum Dialog oder die Frage: Welcher Körper aus welcher Perspektive in welchem Kontext in welcher Entfernung beobachtet hier eigentlich gerade?

Dass auch der Körper in Gesprächen mit erzählt, ist ein Geheimnis mit langem Bart. Dass aber auch der Körper mit ZUHÖRT, kann vielleicht eine neue Perspektive sein sich mit Non-Verbalem zu beschäftigen und letztlich über das Beobachten neu nachzudenken. Vielleicht, ganz vielleicht, könnte da ein Beitrag über die Schnitt – und Kamerakunst der Coen-Brüder (Fargo, 1996; The Big Lebowski, 1998; Inside Llewyn Davis, 2013 u.v.a.) in ihren Dialogszenen behilflich sein.
Tony Zhou erklärt im folgenden englischsprachigen Clip mit vielen visuellen Beispielen, wie Kamerapositionierung, Linseneinstellung und Schnitttechnik wesentlich zum Inhalt einer dialogischen Filmszene beitragen. Es geht darum, mit welchen Einstellungen Aufmerksamkeit auf welche Gesprächs – und damit auch auf Personendetails gelenkt werden, welche Nähe und Stimmung unterschiedliche Kamerapositionierungen herstellen können, wie eine weite Einstellung die Kontextinformationen mit in die Szene einbezieht und damit ihre Personen non-verbal Charakter verleiht und darum, wie ein guter Schnitt den Gesprächsrhythmus und damit die ganze Dynamik und Bedeutsamkeit einer Szene beeinflussen kann. Mich persönlich hat das kurze Video angeregt über Beobachtung nachzudenken, wie entscheidend für eigene Einstellungen und den Gesprächsverlauf das Setzen und der Wechsel eines Fokus ist. Vielleicht ist ja auch etwas Neues und Anregendes für Ihre Beobachtungen dabei?

 

VIBES zu Neuem

Pollock
Regie: Henry Dunbar
Erscheinungsjahr: 2014, England
Länge: 3 Min.

Bei folgender Inspirationsgeschichte des expressionistischen Malers Jackson Pollock, der durch seine Form des Action Paintings bekannt wurde, kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. Wie kommt Neues in die Welt? Das betrifft vielleicht nicht nur Veränderungsanliegen in Beratungssituationen oder wissenschaftliche Fragen, sondern auch die Kunst. Kann Neues neu bleiben oder wird es mit der Zeit gewöhnlich? Wie kann eine neue Form zu überraschenden Inhalten anregen?

 

VIBES zu schwierigen Schülern in schwierigen Schulsystemen

Conducta
Regie: Ernesto Daranas
Erscheinungsjahr: 2014, Kuba
Länge: 108 Min.

Leider nur sehr spärlich und in den Kinoprogrammen versteckt, läuft seit Anfang Januar der kubanische Film Conducta (= das Verhalten). In erster Linie ein sozialkritischer Film, beleuchtet er auch die Frage, ob kausale Erklärungsprinzipien bei „schwierigen Schülern“ angebracht sind. Vielmehr vertritt dieser Film die Idee, dass auffällig gewordene Menschen „Anzeiger“ eines problematischen Systems, bzw. dessen Kommunikationen sein könnten.
Die Seite des Filmverleihs stellt eine Inhaltsübersicht und ein Presseheft zur Verfügung.

VIBES zum Wort als Modell

Ed.
Idee & Animation: Taha Neyestani
Erscheinungsjahr: 2015, Kanada
Länge: 4 Min.

Für mich haben Zuhören und Zeichnen lernen viel gemeinsam.
Wenn man zeichnen lernt, kommt es vor allem auf das Schauen an. Genaues Hinsehen und das Gesehene auf’s Papier bringen, eine Vorstellung entwickeln in welchen Kontexten das Gezeichnete gesetzt werden könnte, damit seine Form und Figur eine Bedeutung erhält, ist die Leistung eines Zeichners. Beim Zuhören kann man nicht sehen in welchen Umgebungen die Worte ihre Bedeutung erhalten; es liegt am Zuhörer sie zu erfragen und somit Wort- Modelle in Bedeutungsumgebungen zu zeichnen.
Der Animationsfilm Ed ist eine Hommage an Modelle, hier Zeichenmodelle, und rückt damit die Form, Figur und ihre Wandelbarkeit in den Fokus.

 

VIBES zum Passen

The Perfect Fit
Regie: Tali Yankelevich
Länge: 9 Min.

Im Konstruktivismus ersetzen die Begriffe des Passens, der Gültigkeit, des Funktionierens, der Nützlichkeit den Begriff des Wirklichen. Wenn man in diesem Kontext über Passen nachdenkt, kommt einem vermutlich nicht das Passen von Ballettschuhen in den Sinn. Ballett ist eine Kunst, die für Eleganz und Grazie steht und gleichzeitig den Körper in extreme Belastungssituationen bringt – nicht nur jene der Tänzerinnen und Tänzer. In einer Londoner Fabrik bearbeiten Handwerker mit Hammer und Zange unter ebenso körperlicher Belastung feinste Stoffe – bis die Schuhe den perfekten Sitz bieten für die Tänzerinnen. Die folgende kurze Dokumentation zeigt was Passen – vielleicht nicht nur von Ballettschuhen – bedeuten kann. Dass es im Dienste von Schmerzen stehen kann, von Beherrschung, Perfektion, Eleganz und sicherem Halt und so oft auch etwas mit Geduld und Ausdauer zu tun hat.

 

VIBES zur doppelten Kontingenz der sozialen Welt im Kino

Louder than Bombs
Regie: Joachim Trier
Erscheinungsjahr: 2015, Norwegen/Frankreich/Dänemark
Länge: 109 Min.

Drei Jahre nach dem tödlichen Unfall der Fotografin Isabelle Reed soll eine Retrospektive ihrer Arbeiten stattfinden. Die unterschiedlich vom Tod geprägten Familienmitglieder müssen sich unter dem Zeitdruck den verschiedenen Wahrheiten stellen, sie kommunikativ hervorbringen und miteinander verbinden.
Der FilmDienst 01/2016 (S.28/29) zitiert Luhmann zum Film:

Die Figuren müssen das lernen, was Niklas Luhmann als „doppelte Kontingenz der sozialen Welt“ beschrieb: „Perspektiven eines anderen als mögliche eigene zu erkennen und zu übernehmen ist mir nur dann möglich, wenn ich den anderen als ein anderes Ich erkenne. Darin liegt die Garantie der Selbigkeit unseres Erlebens (…) Er kann sich irren, er kann sich täuschen, er kann mich täuschen. Seine Intention kann meine Enttäuschung sein. Der Preis für die Übernahme fremder Perspektiven ist, so könnte man überspitzt formulieren, deren Unzuverlässigkeit.“ (Rechtsoziologie, 1983)

Der Film bietet eine Perspektive auf Luhmanns Worte an, die vermutlich eine andere ist als die eines Fachmannes, einer Fachfrau aus dem systemisch arbeitenden Kontext. Wer neugierig ist wie eine Interpretation des Luhmann-Zitats mit filmischen (!) Mitteln (!) aussehen könnte, der sei hingewiesen auf den Film. Der deutsche Trailer als Vorgeschmack, in dem man auch mitbekommt, dass Perspektivwechsel nicht ohne Emotionen geschieht:

VIBES zur (kleinen) Schwester

Unsere kleine Schwester
Regie: Hirokazu Kore-eda
Erscheinungsjahr: 2015, Japan
Länge: 127 Min.

Ein wunderbarer Film lief diese Woche in den kleinen Kinos an. Angelehnt an die Manga-Vorlage Umimachi Diary , erzählt Kore-eda eine (versöhnliche) Geschichte über die Abwesenheit von Eltern und das Kennenlernen zwischen Schwestern. Die Schwestern Yoshino, Chika und Sachi lernen bei der Beerdigung des Vaters ihre bis dahin unbekannte kleine Schwester Suzu kennen. Eine filmische Begleitung des Beziehungsknüpfens beginnt – mit viel Liebe zum Alltäglichen (und zu Essensszenen!). Suzu und ihre Schwestern erlauben einen Einblick in ihre Schwesterndynamik ohne jemals plakativ zu werden, dafür wertschätzend, langsam und zwischendurch auch anrührend. Falls Sie eine kleine Schwester haben oder sind, sei Ihnen dieser Film ans Herz gelegt. Für alle, die mit Familien arbeiten oder sich für Familienkonstellationen interessieren, sei der Film aufgrund der liebevollen Darstellung des Wertes von Schwesternbeziehungen empfohlen.
Wenn Sie Freude an der japanischen Sprachmelodie haben, ist der Film im OmU sehr zu empfehlen, eine erste Begegnung mit Suzu und ihren Schwestern könnte dieser Clip in deutscher Synchronisation sein, wenn Sie mögen:

VIBES zum Gedächtnis

The Lost Mariner
Animation: Tess Martin
Erscheinungsjahr: 2014, Niederlande
Länge: 5 Min.

Vermutlich kennen eine Reihe von Ihnen das zum Ende der 80er erschienene Buch The Man Who Mistook His Wife for a Hat von dem Neurologen Oliver Sacks (auf deutsch: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte).
Oliver Sacks schildert in dem Kapitel The Lost Mariner den Fall des jungen Seemanns Jimmie G., dem es nicht mehr möglich ist Ereignisse, Begegnungen, Personen, Orte in das Gedächtnis zu überführen. Tess Martin hat Aspekte dieser Geschichte in einem Kurzfilm animiert – und zwar auf kluge und technisch beeindruckende Weise.