VIBES zur ‚favorite old lady‘, die Oma im Familiensystem

Grandma’s Hands
Interpret: Bill Withers
Album: Just as I Am, 1971

Am Wochenende hat mir die Süddeutsche Zeitung mitgeteilt, dass die englische Queen ihren Enkel Prince Harry zum Ritter geschlagen hat. Das ist vielleicht inhaltlich nicht der Kracher gewesen, aber vielleicht interessant für die Betrachtung der unterschiedlichen Rollen und Bedeutungen der „vorletzten Generation“ in Familiensystemen.
Oma kann ein nahes Mitglied im Verwandtenkreis sein und doch mit etwas Abstand zur Verantwortung. Manchmal verblüffend mit welcher Gelassenheit sie auf Aktuelles und die vergangenen 100 Jahre schauen können, manchmal verständlich dass auch von Zeit zu Zeit Verbitterung und Verletztheit mitschwingt.
Bill Withers Song zeigt auch, welchen ganz persönlichen Stellenwert eine Oma für jeden einzelnen aus dem Familiensystem haben kann. Zudem habe ich selten eine so lässige Liebeserklärung gehört.

Den Text finden Sie hier: Weiterlesen

VIBES zur komplexitätserhaltenden Komplexitätsreduktion

Beatbox e Violino
Interpret: Oriente
Album: Desorientado, 2011

Die Brasilianer Oriente verkuppeln hier „nur“ Geige mit Beatboxen – und es ist eine Menge los! Sie erhalten die Komplexität des Stückes, reduzieren diese aber auf schonende Weise durch die Verwendung von zwei Instrumenten: Stimme und Violine. Beide zeigen jeweils was sie können, sind dabei kreativ und ungewöhnlich. Und gleichzeitig kann man als Zuhörer mal dem einen, mal dem anderen folgen, sich auf etwas fokussieren oder beide zusammen beachten. Vielleicht ist hier das Systemische mit Komplexität schonend umzugehen und sie gleichzeitig für Betrachtungen zu reduzieren.

VIBES zu echten Menschen oder die Frage Wen lernt man kennen, wenn man jemanden kennenlernt?

Like Real People Do
Interpret: Hozier
Album: Hozier, 2014

Der irische Musiker Andrew Hozier-Byrne hat ein schönes Lied geschrieben mit einem schönen Text. Es geht um Fragen, die man nicht stellt, um Ahnungen zu vergangenen Geschichten, die man nicht ausspricht. Vielleicht damit Vorstellungen aufrecht erhalten bleiben. Ein musikalisches und textliches Spiel mit Wahrheit, Intuition und Konstruktionen von Geschichten. Welche Geschichten werden geteilt, welche verschwiegen, welche Fragen werden gestellt und welche nicht, um zu den „real people“ zu gelangen oder sich als solche zu zeigen? Und wer entscheidet darüber, ob und wann man sich (ausreichend) kennt? Vielleicht auch eine Überlegung für den professionellen (psychologischen) Kontext.
Texte (vermutlich jeder Art) sind Interpretationssache. Ich freue mich über andere Meinungen zu Hoziers Text!

Den Text gibt es heute auch schriftlich, und zwar hier: Weiterlesen

VIBES zu künstlichen Systemen

Das psychologische Jahrhundert
Interpret: Rainald Grebe
Album: Das Rainald Grebe Konzert, 2012

Vielleicht leben wir in einer Zeit, in der künstliche Systeme in eine Systemtheorie integriert werden könnten – oder vielleicht auch müssen? Sich in sozialen Netzwerken und Blogs zu bewegen, dort etwas zu lesen und die Möglichkeit mittelbar darauf zu reagieren, in zeitverzögerten Interaktionen über Instant Messaging zu stecken, gehört mittlerweile zum Alltag. Das braucht nicht schlecht sein. Vieles macht Spaß, schafft Informationen und vermittelt Kontakte. Rainald Grebes Lied ist da eher etwas anders eingestellt. Aber auch diese Seite ist vielleicht vorhanden. Wie könnten die digitalen Möglichkeiten ein systemtheoretisches Gerüst bereichern?

VIBES zur Möglichkeitserweiterung durch Ungewöhnliches

Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen
Zweite Arie der Königin der Nacht aus Die Zauberflöte von W. A. Mozart
Interpret: Florence Foster Jenkins, 1944

Florence Foster Jenkins (1868 – 1944) galt als untalentierteste Sängerin ihrer Zeit. Aber das störte sie überhaupt nicht. Ihr Glaube in ihr musikalisches Können war trotz massiver Kritik unerschütterlich. Sie wurde als schräger Insidertipp gehandelt, gab nur vor ausgewähltem Publikum Konzerte und Aufnahmen waren bis auf eine Ausnahme strengstens verboten. Warum sie hier auf systemVIBES auftaucht, ist ihr Verdienst dadurch Menschen neugierig auf klassische Musik gemacht zu haben. Ungewöhnliches in den Fokus zu nehmen, um zu Neuem zu gelangen, ist (auch) systemisches Denken.
Wenn Sie also das nächste Mal jemanden oder etwas sehen oder hören (bei anderen oder sich selbst), von dem Sie denken „Och nee…“, bedanken Sie sich und staunen Sie über die Aufmerksamkeit und das Interesse, das (vielleicht nur kurz, aber immerhin) erwacht ist. Sie nehmen dann vielleicht etwas wahr, was Sie vorher gar nicht bemerkten. Vielleicht erweitert sich dadurch Ihre Denk – und Gefühlswelt. Vielleicht findet sich darin sogar manchmal auch etwas Hilfreiches oder Bereicherndes – aber mit großer Wahrscheinlichkeit einfach etwas Neues.

VIBES zu Kommunikationsmustern

The Cigarette Duet
Interpret: Princess Chelsea
Album: Lil‘ Golden Book, 2011

Eine liebe Freundin von mir erzählte, wenn sie sich mal wieder so richtig mit ihrem Mann streiten wolle, sei es sinnvoll das Thema Rauchen anzuschneiden. Es dauere nicht lange und die gute Laune sei dahin. Ein Argument jage das nächste, einer müsse recht haben und der andere fühle sich ruck zuck bevormundet. Ein ganz sicherer Weg zu einem miesen Abend.
Leidvolle Kommunikationsmuster zu erfragen, sie zu verändern oder durch neue zu ersetzen, hat in systemischer Praxis zahlreiche Methoden gefunden. Ein nettes Lied zu Kommunikationsmustern und wie eingespielt und selbstverständlich diese ablaufen, darf ich Ihnen heute vorspielen. (Zudem bedient es meine ganz persönliche Vorliebe für trashige Musikvideos)

VIBES zur Double- bind- Theorie (Gregory Bateson)

Feeling Good
Interpret: Ane Brun
Album: Songs 2003- 2013 (2013)
ursprünglich komponiert von Newley & Bricusse (1964)

Als Küken in systemischen Kreisen ist es spannend zuzugucken, was die „großen Männer und Frauen“ der Szene in der Vergangenheit und vor allem auch heute diskutieren, vorantreiben, entwickeln und verändern. Daher finden Sie hier ab und zu auch Namen, die mit Erzählungen systemischer Geschichte in Verbindung stehen. Heute möchte ich VIBES zur Double-bind-Theorie mit einer Version des Klassikers Feeling Good anregen. Sie hören also gleich ein Lied, das Feeling Good heißt und gleichzeitig so gar nicht glücklich oder fröhlich klingt. Der Text verspricht Neuerung, Kraft und Zuversicht, der Tonfall (bei Musik durchaus wörtlich zu nehmen) eher das Gegenteil und es hinterlässt mit solch einer paradoxen Aussage eine ambivalente Stimmung.

Um ähnlich paradoxe Aussagen dreht sich die Double-bind-Theorie, die hier nicht in ihrer ganzen Komplexität dargestellt werden kann. In den 50er und 60er Jahren erregte ein Forscherteam um Gregory Bateson in Palo Alto die Gemüter mit Studien zur Schizophrenie im sozialen Kontext und formulierte die Doppelbindungstheorie, die für die Entwicklung der Familientherapie bedeutsam war. Wikipedia gibt ein paar weitere Informationen, und zwar hier.

Gast- VIBES zum Perspektivenwechsel

Vor einigen Tagen wurden die VIBES zum Perspektivenwechsel mit einem schönen Gedicht kommentiert. Vielen Dank dafür! Eine Vertonung dazu gibt es nun auch und ich darf Ihnen diese als Gast- VIBES heute vorstellen.

Der Wanderer an den Mond
Text von Gabriel Seidl (1804-1875)
vertont von Franz Schubert im Mai 1827
gesungen von Dietrich Fischer- Dieskau

Ich auf der Erd‘, am Himmel du,
Wir wandern beide rüstig zu:
Ich ernst und trüb‘, du mild und rein,
Was mag der Unterschied nur sein?

Ich wandre fremd von Land zu Land,
So heimatlos, so unbekannt;
Bergauf, bergab, Wald ein, Wald aus,
Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus.

Du aber wanderst auf und ab
Aus Ostens Wieg‘ in Westens Grab,
Wallst Länder ein und Länder aus,
Und bist doch, wo du bist, zu Haus.

(…)

VIBES zur Hypothesenbildung

Erlaube mir, fein’s Mädchen
aus „Deutsche Volkslieder“, WoO 35
Komponist: Johannes Brahms

Meinungen sind schnell gemacht und entsprechende Hypothesen schnell ausgesprochen. Mit Wertschätzung, Vorsicht und Respekt Meinungen zu konstruieren und vor dem Aussprechen und Handeln um Erlaubnis zu fragen, ist eine Haltung, die vielleicht in Brahms Vertonung eine anrührende Form gefunden hat.

Erlaube mir, fein’s Mädchen,
In den Garten zu gehn,
Dass ich mag dort schauen,
Wie die Rosen so schön.
Erlaube sie zu brechen,
Es ist die höchste Zeit;
Ihre Schönheit, ihre Jugend
Hat mir mein Herz erfreut.

O Mädchen, o Mädchen,
Du einsames Kind,
Wer hat den Gedanken
Ins Herz dir gezinnt,
Dass ich soll den Garten,
Die Rosen nicht sehn
Du gefällst meinen Augen,
Das muss ich gestehn.